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Bye Bye Poldi Panzer – ganz bei mir.

Ich berichte in meiner Kolumne „Bye Bye Panzer“ über sehr persönliche Erlebnisse aus meinem Leben und meinem Weg aus der Essstörung. Es könnte sein, dass dich dieses Thema in irgendeiner Form triggert oder dir nicht gut tut. Bitte achte auf dich.

„Ich bin viel mehr als eine Hülle“

Lieber Poldi,

hallo, du heißer Drachenfeger 🙂 Hier, nimm dir einen Kaffee, und wir schnacken mal über alles, was uns so in den letzten Wochen beschäftigt hat. Wow, das ist wahnsinnig viel.
Wir haben echt viel erlebt, und alles ist in Bewegung – I like.

Poldi, du und ich, wir beide, wir finden uns gerade super. An einigen Tagen ist alles so leicht und einfach, ich laufe in (für mich) hohen Schuhen umher, fühle mich großartig und leicht. Federleicht, um genau zu sein, und das mit Kleidergröße 54 🙂
Ich vergesse manchmal, dass du da bist. Ist das nicht großartig?

Nicht traurig sein, mein großer Freund. Wir wussten, dass dieser Tag kommen würde. Auch wenn du physisch noch da bist, so habe ich mir in den letzten Wochen erlaubt, dich zu vergessen. Einfach so. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, und du warst wirklich an einigen Tagen fast komplett weg aus meinem Kopf. Unfassbar, wenn ich bedenke, wie oft ich mir dich weggewünscht habe. Auf einmal fühlt es sich an, als wärst du nun wirklich weg, und doch bist du trotzdem da. 

Auf einmal bist du weg – und doch noch da

Das Wohlfühlen in meinem Körper hat tolle Nebeneffekte: Auf einmal erkenne ich, dass ich dich gar nicht hassen muss, und dass es keinen Grund dafür gibt, mich nicht so anzunehmen, wie ich gerade bin. Ich bin voll und ganz bei mir, und dafür gibt es auch meiner Meinung nach logische Erklärungen. Ich bin glücklich! Einfach so, und ein Schalter hat sich in meinem Kopf umgelegt.

Ich kann sagen, dass ich meine letzte Beziehung nach gut einem Jahr endlich abgehakt habe, dass ich weiß, wer ich bin. Ich bin sehr stolz, dass ich das alles verarbeitet habe. Ich habe mir bewusst Zeit für mich genommen, habe meine Wohnung einmal um 360 Grad gedreht und aussortiert. Ich habe wieder Luft in meinem Herzen, habe mir meinen Freiraum erarbeitet und finde jetzt gerade das Single- und auch das Frausein unfassbar schön. Wäre ich gleich (wie sonst) in die nächste Beziehung gelaufen, wäre ich heute nicht glücklich. 

Jetzt wird es spannend 🙂 

Weißt du was: Ich hatte erste Dates, und die waren super. Nicht ein abschätziges Wort über mich oder meine Figur, nicht eine unterschwellige Bemerkung, dass ich zu viel Gewicht mit mir herumtrage. Kein “das bleibt doch aber nicht so”. Nichts davon außer einer Begegnung auf Augenhöhe und vieler lieber Worte für mich.
Wir beide schwingen im gleichen Rhythmus, lieber Poldi, und das merkt unsere Umwelt.

Mit sich im Reinen zu sein, sich nicht mehr über das eigene Gewicht zu definieren, das hat uns so dermaßen verändert. Ich habe gefühlt große Tonnen von Ballast verloren, und das obwohl sich unser Gewicht nicht drastisch verändert hat.

Wir beide gehen tanzen und kommen immer noch ganz high nach Hause – ohne Drogen konsumiert zu haben. Wir spüren unsere Lieblingsmusik wieder – das war lange weg.
Wir hören die Kirchenglocken und nehmen wahr, wie die Vögel zwitschern. Wir lieben den Geruch frischer Brötchen morgens am Bahnhof, den wir sonst nicht riechen wollten. Wir tanzen durch die Wohnung, auch nach Feierabend. Unsere Gefühle, die wir fühlen dürfen, sind so groß und tief, und wir haben keine Angst mehr vor ihnen. Sie sind da, gehören zu uns und unserer Geschichte. 

Wir sind high vom Leben, von allem, was gerade passiert. Aufregung, Sehnsucht, Freude und ein großer Wunsch nach mehr. Ich zeige mich gerne, bin gerne Frau, stehe zu jedem Gramm und nehme mich ganz anders wahr. Wie lange ich auf dieses Gefühl gewartet habe, kann ich gar nicht sagen. Es war weg, vor Sorge und Schmerz.
Begraben unter Unsicherheit, dem Gefühl des Nicht-genug-Seins. Mein Herz umringt von Stacheldraht, um mich zu schützen. Zu oft wurde es mir rausgerissen, in Stücke zerfetzt und mit großen Rissen wiedereingesetzt. Nur wer nicht liebt, kann nicht verletzt werden und muss sich nichts aussetzen.
Ich, ich kann nicht nicht lieben, ich kann auch nicht nur ein wenig lieben. Ich will es auch nicht, denn das Gefühl der Liebe ist wunderschön. Also ist mein Herz zwar ein wenig vernarbt, aber wieder offen für Neues und Schönes.

Ich habe gelernt, dass ich Liebe vor allem an erster Stelle für mich haben muss, und davon ist gerade genug da. Auch für dich, lieber Lieblingsdrache 🙂

Also, lass uns weitersehen, wo wir beide hinkommen, wo wir uns hinbewegen. Gefühlt ist es die richtige Richtung, und ich liebe mein Leben als starke, unabhängige Frau in der Großstadt.

Poldi, wir können so stolz aufeinander sein. Ich muss mich nicht häuten, kasteien, verteufeln und verfluchen, weil ich dick bin. Es ist nur eine Definition. Wenn wir uns von diesen Labels befreien, lebt es sich so viel leichter. Mein Leben dreht sich nicht nur um mein Aussehen und der Anerkennung desselbigen.

Ich bin so viel mehr als meine Hülle und habe erst in den letzten Monaten dieses Satz so richtig verstanden.

Bis bald, Poldi

Tanja

Foto: Ulla Popken

Love yourself,

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Kommentar

  1. ❤️Tanja , ich freue mich für dich das es dir gut geht und du dich in deinem Körper wohl fühlst .
    Ich bin noch nicht allzulange mit Insta vertraut ( habe auch kein Facebook ) aber deine Entwicklung könnte ich in den wenigen Monaten mit erleben … du strahlst eine positive Energie aus , zeigst dich und deinen Körper 👌, du kannst es mit jeder Frau in Gr 36 aufnehmen .. mach weiter so 👍. Ich freue mich für die Fashion Day‘s auch wenn ich nicht persönlich dabei sein kann .. aber auf deine tollen Storys 😍😍 ich wünsche dir viel Erfolg 🍀fühl dich gedrückt Lg K

    1. Liebe Kiki, so schöne Worte. Ich glaube fest daran, dass wir durch eine positive Ausstrahlung viel erreichen und unser Gegenüber diese mitbekommt. Es geht mir auch nicht mehr um Konfektionen, sondern um meinen inneren Frieden und der hat sich in den letzten Monaten sehr gewandelt. Danke für deine lieben Worte.

      LG
      Tanja

  2. Freue mich, dass du dich jetzt wohl in deiner Haut fühlst! Weiter so 😉 Guter Punkt von Dir: „Sich (fast nur noch) über das eigene Gewicht zu definieren“, scheint leider eine Kehrseite des Trends zu Positivity zu sein… Wenn ich sehe, dass ein Freitzeitmodel einerseits ganz stolz postet, wie viel sie abgenommen habe, und sich gleichzeitig, dafür entschuldigt, weil sie doch body positive sei… Zumal gerade so zweistellig ja nicht total dünn ist, auch wenn’s vorher 20 kg mehr waren.

  3. Was für ein großartiger Beitrag. Ich wünschte, ich wäre schon so weit und bin auch davon überzeugt, dass Selbstliebe ein erstrebenswerter Zustand ist und dafür sorgt, dass einem im Außen auch andere Dinge gespiegelt werden. Das ist etwas, was wahrscheinlich zu persönlich ist, aber mich würde interessieren, wie Du das erreicht hast. Für mich ist es eine Herausforderung, den Fokus zu ändern und sich selbst anzunehmen, wenn man sein lebenslang etwas Anderes hört. Manchmal gelingt es, aber manchmal ist es schwer. Herzliche Grüße, Andrea